Aqualung …..

...oder vom Wiedersehen mit alten Freunden

(Einige irrelevante Gedanken von Whistling Catfish)

 

Teil 1

 

 

Gibt es etwas schöneres als alte Freunde wiederzutreffen? Gemeinsam mit ihnen in der alten Zeit zu schwelgen, im Geiste die alten Erlebnisstätten aufzusuchen um sich gemeinsam mit Ihnen einem Nostalgietrip hinzugeben, der beiden klar macht, dass man in die Jahre gekommen ist? (…der eine mehr, der andere weniger….lach)

 

Ich unterstelle einfach mal, dass es vielen von Euch ähnlich geht wie mir, denn für mich war Aqualung, der schmierige, auf den ersten Blick eher unsympathische Charakter aus Jethro Tull’s 1971er Meisterwerk ein treuer und loyaler Freund, der mich nunmehr mein halbes Leben begleitet hat.

 

Gemeinsam mit ihm habe ich die Höhen und Tiefen der Pubertät durchlebt, Aggressionen konnte ich mit ihm genauso gut abbauen, wie ich meinen ersten Liebeskummer mit ihm und seinen Freunden teilte. Viele gute Zeiten hatten wir auch gemeinsam, viele Parties, viele Reisen!

 

Erinnert Ihr Euch noch wie Ihr ihn kennengelernt habt? Ihn und seine Freunde Cross Eyed Mary, Mother Goose und die anderen? Cast your minds back….

 

Als ich Aqualung kennenlernte, war er bereits ein ziemlich gereifter Mann. Es war im Jahre 1988 und ich war fasziniert von der unterschwelligen Aggression, die dieser schmierige Charakter ausstrahlte, der da vom Plattencover stierte. Den geschundenen Körper in einen alten, schmutzigen Mantel gehüllt stand er da, an dieser zugigen Hausecke.

 

Hinter ihm das längs verblichene Plakat aus einer besseren Zeit, welches die besseren Menschen überreden sollte Weihnachten mit Wintersport zu verbringen. Für Aqualung stellte sich die Frage nicht. Er sah eher so aus, als wäre er schon froh, wenn er zu Weihnachten eine Flasche billigen Rotweins ergattern könnte um sich dann in den öffentlichen Bedürfnisanstalten ein wenig die Füße zu wärmen.

 

Linkisch, ja fast ein wenig bösartig blickt er auf dem Frontcover an uns vorbei. Warum schaut er uns nicht in die Augen? Und was zum Teufel versteckt der Kerl da unter seinem Mantel?

 

Wenn wir das Cover umdrehen, sehen wir den anderen Aqualung. Ermattet sitzt er auf der Boardsteinkante und seine müden Augen blicken ins Leere. Ein streunender Hund hat sich zu ihm gesellt und schnuppert an seinem Mantel. Aqualung friert, es muss Winter sein in dieser Stadt, die auf mich wirkt wie das London des Charles Dickens. Hier strahlt er keinerlei Bösartigkeit mehr aus – im Gegenteil. Er erregt unser Mitleid und hat jetzt vollends unser Interesse geweckt. Wir alle warfen dem Plattenhändler unseres Vertrauens ein paar Pfunde hin und nahmen Aqualung mit zu uns nach Hause. Wir liessen uns von ihm erzählen, wir liessen es zu, dass er fortan zu einem integralen Teil unseres musikalischen Lebens wurde, ja wir liessen es sogar zu, dass Teile seiner Philosophie zu unserer eigenen wurden. Wir liessen es nur zu gerne zu, dass er uns packte und niemehr losließ.

 

 

 

…in the beginning Man created God; and in the image of Man created he him.

 

Kaum hatten wir ihn zuhause, unseren neuen Freund, machte er gleich klar, daß er kein einfacher Zeitgenosse ist. Als allererstes gibt er uns im Innencover seine Psalmen auf, in denen er (scheinbar) unmissverständlich klar macht, das er (wir???) erst durch die heuchlerische Gesellschaft, die mit Ihrer Falschheit und ihren ebenso falschen Werten zu dem wurde, was er (wir??) ist.

 

Das war etwas, was ich als junger Mensch (damals war ich 15) sofort unterschrieb. Es dauerte nicht lange, und ich (und ihr womöglich auch) war überzeugt davon, dass ich verstanden wurde und dass ich verstanden habe! Ich glaubte damals Bescheid zu wissen und mein Mitleid war nicht mehr bei Aqualung sondern bei den anderen, die eben nichts zu wissen schienen, während ich, Ihr und Aqualung scheinbar alles begriffen hatten. Heute weiss ich, dass ich damals gar nichts begriffen hatte und auch, dass ich Aqualung über Jahre womöglich völlig missverstanden habe, aber damals…….

 

Sitting on a park bench….

 

Aqualung erzählt nicht. Er lässt erzählen! Zunächst mal brennt er sich mit einem Riff in unsere Gehörgänge, welches uns seinen Fuselatem und seinen Geruch erahnen lässt. Ganz klar, der erste Teil des Titelstücks beschreibt den Aqualung auf dem Frontcover, den linkischen, den bösartigen. Der Erzähler (Ian) beschreibt ihn mit der gleichen Abscheu, die auch wir verspürten als wir Aqualung zum ersten mal sahen.

 

„Sitting on a park bench; eying little girls with bad intend;

Snot running down his nose; greasy fingers smearing shabby clothes”

 

Ja, das ist er! Aqualung, der Fiese! Ein lüsterner, versoffener alter Kerl, der kleinen Mädchen beim Spielen zusieht. Der sich erregt fühlt, durch die unschuldig unter den Miniröcken des Jahres 1971 zur Schau gestellten „frilly panties“. Einer, für den man nichts als Abscheu empfinden kann ( wenn man sich denn zum Establishment zählen will). Doch dann, als uns der Erzähler – noch immer voller Abscheu in der Stimme auf folgendes aufmerksam macht:

 

„Feeling like a dead duck; spitting out pieces of his broken luck!“

 

Da kommen wir schon ein wenig ans Nachdenken, oder? Auch der Erzähler scheint für einen Augenblick zu überlegen. Noch immer untermalt von dem furiosen Riff und gewitterartigen Drums hält er kurz inne und überlegt! „Oh Aqualung“ (bei 0,59 min auf der Originalversion).

 

Scheinbar fällt auch dem Erzähler der Aqualung vom Backcover auf und er muss seine bisherigen Statements insofern überdenken, dass diese Kreatur womöglich doch zwei Seiten hat!

 

Dieser Gedanke schlägt sich auch musikalisch nieder. Abrupt ended das Riffgewitter und wird abgelöst durch den Erzähler allein mit seiner akustischen Gitarre. In sanfter und mitfühlender Stimme erinnert uns der Erzähler, dass es sich bei Aqualung um einen Menschen handelt, der Abseits unserer Gesellschaft steht – der einsam ist, der Schmerzen hat, der trinkt und der angewiesen ist auf die Almosen des Establishments, der Gesellschaft, die sich scheinbar nicht traut sie ihm direkt anzubieten, sondern die es vorzieht, den mittelbaren Weg über die Heilsarmee zu gehen.

 

 

 

 

Und der  Erzähler bleibt nicht allein. Die Band unterstützt seine Stimmung in unvergleichlicher Weise. Schlagzeug, Piano und Bass komplementieren ihn, wie er das obige dem Hörer erläutert. Motiviert dadurch, geht der Erzähler sogar noch weiter und solidarisiert extrem mit Aqualung und bezeichnet ihn gar als Freund:

 

„Aqualung, my friend, don’t you start away uneasy;

You poor old sod, you see, it’s only me!”

 

Während der Erzähler mit Aqualung solidarisiert, solidarisieren wir mit dem Erzähler!

 

Wir glauben, dass wir anders sind als die, die Aqualung verstoßen! Und das macht uns wütend.

 

Der Erzähler geht noch weiter. Wie wenn man einen alten Freund trifft, erinnert er nostalgisch an scheinbar gemeinsame Geschichte! Dies unterstützend wird auch die Musik wieder mehr „up-beat“ und vermittelt eine unterschwellige Wut auf die Gesellschaft und noch viel mehr auf die eigene Machtlosigkeit Aqualungs Situation zu verbessern.

 

„Do you still remember, December’s foggy freeze; when the ice that clings into your beard was screaming agony“

 

Aber hier wird deutlich, daß dies ebenfalls nur vorgeschobene Solidarität ist, wir solidarisieren mit Aqualung um unser eigenes, schlechtes Gewissen zu beruhigen. Denn die Referenz an den vergangenen Dezember betrifft nur Aqualungs Leiden, während weder wir noch der Erzähler eigene Referenzen an die Agonie vorweisen können.

 

Die nächste Strophe gibt dann Rätsel auf:

 

„And you snatch your rattling last breath with deep sea diver sounds, and flowers bloom like madness in the spring!”

 

Bedeutet dies etwa, daß Aqualung stirbt? Während Aqualung nach dem harten Winter seinen letzten Atemzug macht, blühen die Blumen wieder wie wild im Frühling. Ist dies eine erweiterte Metapher auf den Kreis des Lebens?

 

Ich glaube ja, doch in diesem Fall kann das nicht als hoffnungsvoller Ansatz verstanden werden, denn im Schlußteil wird nocheinmal das Parkbankmotiv mit dem Riff aufgenommen, was man nur so verstehen kann, dass dieser Kreislauf nicht nur für das Leben an sich gilt, sondern ebenso für tragische Schicksale! Aqualung stirbt, doch er verschwindet nicht! Nach dem nächsten Winter trifft es den nächsten – und wir können (oder wollen) nichts daran ändern!  

 

 

 

 

 

 

Cross Eyed Mary

 

Jethro Tull stellen uns jedoch nicht nur Aqualung vor. Auch ein zweiter, nicht minder interessanter und zerrissener Charakter begleitet mich seither. Cross Eyed Mary!

 

Mary wird uns musikalisch sehr beeindruckend vorgestellt! Zunächst mal hört man (Spekulation!!!) Mary’s Mutter in die Dunkelheit ihren Namen rufen:

„Maryyyyyyyyy!“ Hört man hier Wut und Vorwurf in Mutters Stimme? Klingt hier Ärger  und vielleicht auch ein wenig Angst um die (scheinbar) missratene Tochter mit?

 

Auch die Band macht die Vorstellung spannend.

 

Nachdem die Mutter rief, wird ein musikalisches Bild gemalt, welches mich erneut an das London des Charles Dickens erinnert. Unheimlich wie Flöte, Piano und Bass zunächst einen Spannungsbogen aufbauen, der allerhand Unheil für Mary und ihre Familie verheisst. Nebel durchzieht die regennassen Straßen, Aqualung stiehlt sich durch die aufziehende Dunkelheit, während die Droschken der besser betuchten zusehen, rechtzeitig zum Dinner bei Lamb Roast und Portwein zuhause zu sein. Doch Mary geht noch nicht nach Hause…

 

Denn Mary – aus armen Verhältnissen stammend – hat einen alternativen Lebensentwurf.

 

Sie fragt sich:

 

„Who would be a poor man, a beggarman or thief – if he had the rich man in his hand!“

 

Mary ist in meiner Auffassung jung. Sehr jung. Für das was sie tut, ZU jung. Und obwohl sie ein wenig schielt, scheint sie durchaus ihre Reize zu haben. Ihre Altersgenossen mögen sie sehr, und sie hätte allerhand Chancen bei den Jungs auf dem Spielplatz, doch Mary ist zielbewusst, erschreckend abgebrüht und hat sich in ihrer Situation von allen romantischen Träumen verabschiedet:

 

„Laughing in the playground – gets no kicks from little boys

Would rather make it with a letching grey.”

 

Mary ist eine Prostituierte. Sie betreibt ihr zweifelhaftes Geschäft auf eigene Rechnung und freiwillig. Kein Zuhälter oder ähnliches zwingt sie m. E. zu dem was sie tut, nein, Mary steigt freiwillig zu den reichen, geilen Grauköpfen in die (um bei den Bildern von Charles Dickens zu bleiben) Droschke:

 

„Cross Eyed Mary goes jumping in again, she signs no contract but she always plays the game!“

 

Mary ist die eigentliche, positive Heldin auf Aqualung. Denn Mary ist in diesem „Dickens’schen“ Stadtteil der Verlierer die gute Seele. Sie ist zwar in Anbetracht Ihrer Umstände mindestens genauso benachteiligt und vom Schicksal geschlagen wie Aqualung, doch fühlt sie sich – ob Ihrer besseren „Einkommensverhältnisse“ verantwortlich für die noch Ärmeren – wie z. B. auch Aqualung!

 

Sie verkauft sich und ihren jungen Körper für Geld – lässt sich aushalten – und - wenn es möglich ist, bestiehlt sie ihre Freier und gibt einen Teil an die noch Ärmeren – wie unseren Freund Aqualung:

 

„Cross Eyed Mary finds it hard to get along.

She is a poor man’s rich girl and she’ll do it for a song.

She’s a rich man’s stealer but her favour’s good and strong:

She’s the Robin Hood of Highgate – helps the poor man get along!”

 

In “Cross Eyed Mary” tritt eine weitere Figur auf, auf die ich mir allerdings nicht so richtig einen Reim machen kann. Der „jack-knife barber“, der sie nach getaner Arbeit wieder zurück zur Schule bringt!

 

Aufgrund der Beschreibung dieses Mannes als „Klappmesser-Friseur“ kann ich nicht glauben, dass er zu den privilegierten „Kunden“ von Mary gehört :

 

„She dines in Hampstead Village on expense accounted gruel and the jack-knife barber drops her up at school.“

 

Vielleicht handelt es sich bei diesem Jack-knife Barber aber auch nur um eine positive Figur aus Highgate, die von Mary’s “Nebenjob” weiss und sie bei Gelegenheit und um sie vor weiteren Gefahren zu beschützen in seinem Wagen (oder Droschke) nach Einbruch der Dunkelheit mitnimmt!

 

Cheap Day Return

 

Hier verlässt Jethro Tull das Konzept der ersten beiden Songs. Cheap Day Return ist m. E. ein sehr persönlicher Anderson Song. Hier handelt es sich meiner Meinung nach überhaupt nicht um Fiktion, sondern um von Ian persönlich erlebtes.

 

Nachdem er seinen kranken Vater im Hospital in Preston besucht hat, befindet er sich auf dem Rückweg. Auch hier wird die bereits in Aqualung angesprochene Hilflosigkeit des einzelnen vor scheinbar unvermeidlichen Gegebenheiten angesprochen.

 

Sein Vater ist krank – und ihm bleibt (vermeintlich) nur die Option, ihn in der Obhut des medizinischen Personals zu belassen, während er selbst den alten Mann zurücklassen muss, was ihn sehr traurig stimmt:

 

„And then you sadly wonder does the nurse treat your old man the way she should!”

 

Klingt hier nicht auch ein wenig Selbstvorwurf mit? Dahingehend dass er seinen eigenen Vater fremden Leuten überlassen muss, während er selbst sich seinen eigenen – womöglich aus dem persönlichen Empfinden weniger wichtigen, jedoch von der Konvention erzwungenen Dinge – widmen muss.

 

Die oben angesprochene Konvention könnten gar Jethro Tull Dinge gewesen sein – denn er selber stellt fest, wie lächerlich diese ganze Rockstar Geschichte in Anbetracht des menschlichen Schicksals seines Vaters im Besonderen und der Verantwortung der Krankenschwester im Allgemeinen ist:

 

„She made you tea, asked for your autograph – what a laugh!”

 

Er empfindet im Augenblick der schweren Krankheit seines eigenen Vaters seine eigene Profession im Showgeschäft – mit all dem damit verbundenen Starkult – im Vergleich zu der ungleich schwereren Verantwortung der Krankenschwester für Menschenleben - als lächerlich!

 

Wie recht er doch hat, wenn man länger drüber nachdenkt……

 

Mother Goose

 

Nach dem überaus realistischen „Cheap Day Return“ werden wir zunächst wieder in die Welt der Anderson’schen Fiktion entführt, obgleich es mir nach wie vor sehr schwer fällt  wieder einen Zusammenhang zu den ersten beiden – ohne Zweifel konzeptionell zusammenhängenden Songs, oder auch den im Innencover befindlichen Psalmen herzustellen!

 

Bei Mother Goose handelt es sich meiner Meinung nach um ein Stück Musik, welches einzig und allein aus dem Spaß am musikalischen Vermischen von teilweise folkloristischen Motiven entstanden ist. Lyrisch wird das Ganze unterstrichen durch die Bildsprache des Ian Anderson, der hier schlicht einige surrealistische Szenen beschreibt, die scheinbar in keinerlei Zusammenhang zu stehen scheinen.

 

Allerdings ist Mother Goose ein leuchtendes Beispiel für Anderson’s Genialität. Denn durch diesen Song wird dem, bisher doch sehr düsteren und ersten Album ein wenig Leichtigkeit zurückgegeben. Mother Goose erzählt nicht wirklich eine Geschichte. Vielmehr werden hier völlig absurde, zum Teil sehr traumhafte Situationen beschrieben, in denen er ganz klar mit seinem unvergleichlichen, musikalischem und lyrischem Talent spielt. Ich glaube fast, dass der Text zu Mother Goose durchaus mit Improvisation zu vergleichen ist, denn die Worte klingen einfach schön und komplementieren die Musik perfekt. Sinn und Aussage sind hier m. E. nach Freude am musizieren und das  Erschaffen einer fiktiven Nebenwelt.

 

Und hier findet sich auch der einzige Anschluß zum „Konzept“ von Aqualung und Cross Eyed Mary, denn auch die in Mother Goose beschriebenen Bilder und Figuren wie die „Mutter Gans“, die „bärtige Dame“, „Johnny Scarecrow“ und „Long John Silver“ haben wieder diesen Dickens Charme……(ja, ja ich weiss, dass John Silver von Stevenson ist…lach)

 

 

Wond’ring Aloud

 

Auch hier wieder ein eher persönliches Rührstück…..

 

Ich muss zugeben, dass mir dieser Song lyrisch unglaublich viel bedeutet und ich möchte daher schon vorab um Entschuldigung bitten, dass meine Gedanken zu diesem Song noch subjektiver ausfallen werden, wie zu den vorherigen.

 

Wond’ring Aloud gehört für mich zu den schönsten Liebesliedern, die Ian jemals geschrieben hat (allzu viele hat er ja auch nicht im Reportoire…).

 

Musikalisch sind es nur er und John Evans (ja, ja  ich weiss, dass auch ein Streichquartett mit beteiligt ist)  die hier einen unglaublich berührenden und sanften Lovesong zu Gehör bringen.

 

Lyrisch gehört es für mich mit zu den schönsten Songs die er je geschrieben hat. Anfänglich geht es um die Gedanken eines Liebenden, über die Zukunft des Paares. Es klingt der Wunsch durch, den romantischen Augenblick von gestern möglichst für die Ewigkeit zu konservieren. Gleichzeitig schwingt die Angst mit, dass andere Zeiten kommen könnten – Zeiten in denen das Vertrautsein, dass Eins sein mit dem anderen womöglich nicht mehr gegeben sind:

 

„Wond’ring Aloud – how we feel today.

Last night sipped the sunset – my hand in her hair.”

 

Deutlich ,oder? Er fragt sich wie sie sich wohl heute fühlen würden. Nach einer Liebesnacht vor romantischem Sonnenuntergang streicht er am nächsten Morgen durch das Haar seiner Liebsten (Jenny?!?!) und fragt sich, ob der neue Tag wohl noch genauso schön und vertrauensvoll wird.

 

In all seiner Liebe will er trotzig die zweifelnden Gedanken sofort verdrängen:

 

„We are our own saviours as we start both our hearts beating life into each other!“

 

Hier wird erstmalig das Thema Religion – welches im weiteren Verlauf des Albums noch eine größere Rolle spielen soll - angesprochen. Trotzig – ja fast aggressiv sagt er sich los von der Konvention der Religion, von der Konvention der christlich geprägten Gesellschaft!

 

WIR SIND UNSERE EIGENEN ERLÖSER WENN UNSER BEIDER HERZEN BEGINNEN GEGENSEITIG LEBEN IN UNS ZU SCHLAGEN!

 

(Karl Schramm hat das anders übersetzt, aber meiner Meinung nach falsch….)

 

Warum dieses, doch recht trotziges, ja fast schon provokatives (..eigene Erlöser)  Statement in

diesem sanften Song? Er war damals frisch mit Jennie verheiratet, die meines Wissenes einen jüdischen Hintergrund hatte. Er ist vor einem christlichen Hintergrund aufgewachsen. Hatten die beiden Schwierigkeiten mit den religiösen Weltanschauungen ihrer Familien????? Man weiss es nicht, aber es lohnt sich, sich darüber Gedanken zu machen, oder?

 

Doch das Paar in dem Song liebt sich und schert sich nicht um die Konventionen – vielmehr macht er sich Gedanken um die Zukunft.

 

„Wond’ring aloud

Will the years treat us well?”

 

Hier wird der Wunsch deutlich, daß diese Verbindung von Glück beschienen wird.

 

Und während er noch im Bett liegt und sie ihm das Frühstück bringt, wird ihm klar, dass all die Gedanken nichts bringen und er besinnt sich auf den Augenblick und das kleine Glück welches ihm in eben diesem widerfährt:

 

„As she floats in the kitchen I am tasting the smell, then she comes spilling crumbs on the bed – and I shake my head. It’s only the giving that makes you what you are.”

 

Und recht hat er wahrscheinlich……..

 

Bitte erlaubt mir noch eine Anmerkung in eigener Sache:

 

 

 Up to me

 

Up to me bildete seinerzeit den Abschluß der ersten Seite der LP. Hier betreten wir wieder fiktives, bildhaftes Terrain. Wir sind wieder in Highgate! Zurück bei Aqualung und Mary, hier jedoch offensichtlich in der Neuzeit, obgleich ich immer noch eine Dicken’sche Szenerie vor meinem geistigen Auge habe, wenn ich den Song höre!

 

Zunächst werden wir durch hysterisches, ein wenig psychotisches Gelächter in diesen (fast) akustischen, aggressiven und dennoch melancholischen Song mitgerissen!

 

Up to me ist voll von Selbstvorwürfen – die jedoch im weiteren Fortgang des Songs unterschwellig und unausgesprochen auf die Gesellschaft projeziert werden.

 

Der Erzähler gibt sich trotzig. Er und seine Begleiterin (womöglich

Mary?????) sind gemeinsam ausgegangen. Sie waren zunächst im Kino, doch er liess sie später in einem Schnellrestaurant sitzen. Scheinbar hat er etwas getan, was ihr zu weit ging:

 

„….you tell me that we’ve gone to far.”

 

Dennoch hofft er, daß sie mit ihm noch weiter die Linie (welche das auch immer sein mag) noch weiter überschreiten wird:

 

„….come running up to me!“

 

Offensichtlich folgt sie ihm tatsächlich. Doch er scheint völlig außer Kontrolle geraten zu sein und pöbelt und prügelt sich durch das Nachtleben.  Schließlich findet sie ihn in einer dunklen Kaschemme wieder, wo er zuvor gewalttätig wurde, worauf er noch stolz zu sein scheint:

 

„…make the scene at Cousin Jack’s, leave him to put the bottles back;

Mends his glasses that I’ve cracked, well, that’s one up to me!”

 

Mit dem Fortschreiten des Songs wird deutlich, das er einer der Bekannten, womöglich der Klassenkameraden von Mary ist, der mit heutigen Begriffen als Hooligan bezeichnet werden könnte. Aber auch er hat noch Träume. So träumt er davon eines Tages viel Geld zu haben und angesehener Teil der Gesellschaft zu werden. Obgleich er seine Herkunft und seinen – nennen wir es mal „Rock’n’Roll“ Livestyle niemals ganz verraten möchte:

 

„Buy a silver cloud to ride, pack the tennis club inside – trouser cuffs hung far too wide –well it was up to me!”

 

Im Grunde hasst er die Gesellschaft mit all ihren Konventionen, ihrem Benimm und ihren Tennis Clubs, dennoch möchte er gerne dazugehören, möchte von ihr annerkannt sein. Gleichzeitig stellt er sich schon jetzt über ihre Mitglieder indem er sich von ihr abheben möchte und sie – auch als anerkanntes Mitglied – noch provozieren möchte. Im übrigen ist dies ein klassisches Dilemma aller annerkannten, etablierten Rock Stars, oder etwa nicht?

 

Doch auch schon jetzt, wo er beileibe noch nicht beim Spiel der Etablierten mitspielen darf genießt er es für seine aggressiven Ausbrüche von anderen Mitgliedern der Gesellschaft der vermeintlichen Verlierer bewundert zu werden:

 

 

„..the yellow fingered smoky girl is looking up to me!“

 

Ist das womöglich Mary?

 

Er geniesst die Bewunderung jedenfalls, die sie für ihn hat und geht in seiner aggressiven, ja asozialen Art noch weiter. So fügt er sich unter den Augen des Gesetzes (copper) in seine Rolle als einfacher Arbeiter – lässt seiner Abneigung gegenüber den einfachen Leuten (die womöglich in seiner eigenen Unzufriedenheit begründet ist) in Form von plumper Gewalt freien Lauf – sobald das Auge des Gesetzes nicht mehr hinsieht:

 

„ Well, I’m a common working man with half of bitter – bread and jam and if it pleases me I’ll put one on you man – when the copper fades away!”

 

Schließlich muss er jedoch einsehen, daß er es aus seiner Situation scheinbar keinen Ausweg gibt und er mit voranschreitendem Alter resigniert und sich seinem Schicksal fügt.

 

Diese These setzt voraus, dass man Ian’s Umschreibung „the rainy season“ mit „Sturm und Drang Zeit“ übersetzt. Denn Up to me endet mit den folgenden Zeilen:

 

„The rainy season comes to pass, the Day Glo Pirate sinks at last –

And if I laughed a bit too fast….well it was up to me!”

 

So, daß waren mal meine irrelevanten Gedanken zu Aqualung’s erster Seite. Sollte Euch das gefallen haben, so wäre es mir eine Freude auch den zweiten Teil für Euch nocheinmal intensiv zu hören und meine subjektiven Gedanken dazu zu Papier zu bringen.

 

Ferner könnte ich mir für die Zukunft vorstellen, ähnliches auch mit anderen Alben zu machen! Daher würde ich mich freuen, wenn Ihr mir Eure Meinung zu derartigen Beiträgen per e- mail unter Jtullie@aol.com oder auch in Laufis Board mitteilen könntet, da ich euch erstens nicht mit sowas nerven möchte falls ihr es nicht lesen mögt und ich mir zweitens in diesem Falle eine Menge Arbeit sparen könnte…..lach!

 

Anyway….lasst mal von Euch hören!

 

Viele Grüße,

J.