Aqualung…..
...oder vom Wiedersehen mit alten Freuden
Teil II – My God
(noch
mehr irrelevante Gedanken von Whistling Catfish)
Nach
dem uns ja im ersten Teil „Aqualung“ die Titelfigur, seine Umgebung und
einiger seiner Zeitgenossen vorgestellt wurden, verlässt der zweite Teil „My
God“ dieses Konzept völlig und widmet sich den „hard facts“ oder besser
gesagt, lässt uns etwas weniger Spielraum für Imagination und Unterstellung,
vielmehr spricht der zweite Teil eine überaus deutliche Sprache und ist
vorrangig anklagend, wütend und zornig.
My God
Eingeleitet
von einem überaus stimmungsvollen Akustikriff von Ian entwickelt sich zunehmend
eine anklagende Stimmung. Begleitet vom Piano klagt der Erzähler ohne
Umschweife an:
„People
what have you done; locked HIM in his golden cage!”
Hier
gibt es im Grunde gar nichts zu deuten oder zu interpretieren. Hier werden die
Dinge beim Namen genannt. My God ist m. E. eine überaus deutliche Anklage an
die organisierte Religion. Im Amerika des Jahres 1971 sahen einige der
christlichen Hardliner oder – warum sollte man in diesem Zusammenhang nicht
auch einmal von Fundamentalisten sprechen – gar einen Angriff auf die
christliche Religion als solche. Was, wenn man sich den Text wirklich einmal in
Ruhe zu Gemüte führt überhaupt nicht nachzuvollziehen ist. Selbst die Zeilen:
„He
is the god of nothing – if that’s all that you can see – You are the god
of everything, He’s inside you and me!“
erscheinen
allenfalls in dieser isolierten Form ein wenig blasphemisch. Im Gesamtkontext
wird jedoch sehr schnell klar, dass dieser Song einzig und allein eine Anklage
des jungen Ian A. an die anglikanische bzw. ggf. noch deutlicher an die
katholische Kirche ist, keinesfalls jedoch an den christlichen Gott oder den in
der christlichen Lehre verehrten Messias. Im späteren Verlauf des Albums gibt
es da allerdings noch den einen oder anderen Song, der so etwas noch eher
vermuten lassen könnte.
In
„My God“ jedoch sprach Anderson das aus, was erst heute in der katholischen
und anglikanischen Kirche eher zaghaft diskutiert wird. Die Verbrechen der
Organisation Kirche im Namen Gottes über die Jahrhunderte.
Und
er nannte es beim Namen: „The bloody church of England, in chains of history,
request your earthy presence at vicarage for tea.”
Deutlicher kann man es nicht sagen.
Hier wird das heuchlerische
Gutgehabe der Kirche, die ohne Zweifel im Jahre 1971 eine noch machtvollere
Organisation war als heute, angesprochen. Das Spiel der organisierten Religion
mit der Angst der Menschen unter Zuhilfename von Dogmen
und
mit der Zielsetzung des Machterhalts und der Einflussnahme auf den Menschen.
Ich
bin mir bewusst, dass das obige ggf. auch heute noch den einen oder anderen von
Euch verärgern kann, und es ist nicht meine Absicht hier irgendwem zu nahe zu
treten, doch so verstehe ich diesen Song – und so will ich ihn verstehen, da
dies auch meine persönliche Meinung wiedergibt. (…man muss mit diesen Themen
ja auch heute noch überaus vorsichtig umgehen….)
In
der ursprünglichen Version von „My God“ wurde er sogar noch deutlicher. Die
Zeile: „And the graven image,
you-know-who-
with his plastic crucifix – he’s got him fixed – confuses me as to who and
where and why – as to how he gets his kicks” sollte ursprünglich lauten:
“And the graven image, catholic – with his plastic cruzifix……etc.
etc.”
So
ist dies zum Beispiel auf den frühen 1970er Liveversionen noch zu hören. Auf
der endgültigen Album Version wurde das doch recht deutliche „catholic“
durch „you-know-who“ ersetzt!
Dies
mag eine freiwillige Zensur gewesen sein, oder ggf. auch auf Druck der
Plattenfirma erfolgt sein. Vielleicht war dieser Schritt aber auch ein weiterer
Geniestreich des jungen Ian A., der so jedem Hörer die Möglichkeit gab, diese
Zeilen auf die in seiner Umgebung dominierende christliche Organisation zu
projezieren. Sozuagen die Universalanklage, die der geneigte Hörer und Fan auf
die ihn gerade „betreffende“ Organisation anwenden konnte….lach!
Ich
könnte hierzu noch allerhand schreiben, doch möchte ich hier zunächst mal
schließen, da dies doch zugegeben nach wie vor ein sehr heikles Thema ist,
welches viele anders denkende Menschen auch heute noch verletzen kann. Und dies
soll nicht meine Absicht sein, so wie es seinerzeit auch nicht die Absicht des
Ian Anderson war das zu tun. Obgleich es damals im prüden Amerika dennoch zu öffentlichen
Albumverbrennungen von Aqualung kam. Was dem Ian wohl egal war, zumal man ein
Album, bevor man es verbrennen kann, zunächst mal kaufen muss………J
Hymn 43
Auch
hier wurde munter weiter provoziert. Musikalisch von der ersten bis zur letzten
Sekunde eines von Jethro Tull’s Hardrock-Heavy Metalnummern. Martins Gitarre
auf dem dem Refrain rifft aggressiv und rockig. Piano, Flöte und ein mit
hypnotischer Einfachheit hämmerndes Schlagzeug treiben, jagen und stampfen
diesen Song nach vorne und lassen einem noch heute bei lautem Genuss die
geballte Faust in die Höhe recken. Klasse!
Lyrisch
ist dieser Song gerade heute wieder aktueller denn je. Geht es doch auch hier um
die in Gottes Namen begangenen Verbrechen und der Heuchelei und Prüderie im
Klerus und der Gesellschaft.
Wenn
ich heute ersten Zeilen aus Hymn 43 höre:
„Oh
father high in heaven – smile down upon your son – who’s busy with his
money games, his women and his gun. Oh Jesus save me!
“And
the unsung western hero killed an Indian or three and then he made his name in
Hollywood to set the white man free! Oh Jesus save me!”
Wer
hier nicht an den derzeitigen Führer der freien Welt denken muss, der von sich
selbst behauptet Gott selber hätte ihn zu diesem Amt berufen….. – doch
lassen wir das besser, denn das gehört hier nun wirklich nicht hin.
Dennoch
war 1970 in der freien Welt auch schon von einem gerechten Krieg die Rede – in
Vietnam! Ich spekuliere hier, dass dieser Umstand und die damalige Lesart
dessen, den jungen Ian hier mit inspiriert haben! Aber – ich wiederhole mich
sicherheitshalber – dies ist reine subjektive Spekulation!
Gleichzeitig
ist es eine Abrechnung mit all den Heuchlern, die vorgeben gute Christenmenschen
zu sein und den Namen Gottes, der Kirche und dem damit verbundenen Einfluss auf
die Menschen für ihre ureigensten Interessen missbrauchen – und die Bibel
nach ihrem Bedarf auslegen. Deutlich wird dies m. E. hier:
„
If Jesus saves – well, He’d better save himself, from the gory glory seekers
who use His name in death!“
Die
letzten drei Zeilen in Hymn 43 sind die blanke Provokation eines jungen Genies!
Hier ging Ian sehr weit indem er Jesus, den er in den oben zitierten Zeilen eher
in Schutz nahm und entschuldigte direkt angriff – ja womöglich gar in Frage
stellte: „I saw him in the city – and on the mountains of the moon – his
cross was rather bloody – he could hardly roll a stone!“
Wenn
Jesus retten kann, dann sollte er sich besser selber retten ! Meines Erachtens
großartig – aber auch hier bin ich mir des „verletzungs- und
diskussionspotenzials“ bewusst.
Slipstream
Wieder
eines von den feinen, kleinen akustischen Zwischenspielen auf „Aqualung“.
Nach dem stürmischen und voller Wut gekrächzten „Hymn 43“ wird die
Stimmung in „Slipstream“ ganz sanft. Auch Ians Stimme schmeichelt in
ungewohnter Sanftheit! Doch so kurz und sanft dieser Song daherkommt, so bieten
die 9 Zeilen Text doch allerhand Interpretationsmöglichkeiten.
Wenn
ich dieses Lied versöhnlich deuten möchte, dann würde ich sagen hier geht es
um die zunehmende Kommerzialisierung bzw. Materialisierung in der „Hast Du was
– bist du was Gesellschaft“ und den Schaden, den die menschliche Seele,
durch das stete Streben nach mehr und dem auch heute noch überaus aktuellen
ICH-Bezug des einzelnen, zwangsläufig nimmt. Der Erzähler fühlt sich in
dieser Gesellschaft nicht wohl –
und sehnt sich diesen Strom zu verlassen, was ihm jedoch im Leben nicht gelingen
mag – so dass er sich gar nach dem Tode seht, dem Kellner Gottes die letzte Münze
in die Hand zu drücken um diesen ganzen Schlamassel ein für alle mal verlassen
zu können und in der Gegenrichtung weiterpaddeln kann!
Im
übrigen muss ich sagen, dass mir Karl Schramms Übersetzung zu „Slipstream“
von allen mit am besten gefällt.
Locomotive Breath
Der
einzige „Superhit“ unserer Lieblingsband, denn wirklich fast jeder kennt.
Ich weiss, dass manche von Euch diesen Song nicht mehr hören mögen (…hallo
Ulla) ich jedoch, kann und will auf diesen Song nicht verzichten. Weder live im
Konzert, noch zuhause – ja, ich gebe zu, dass ich zuhause auch nach all den
Jahren ab und an Aqualung auflege um Locomotive Breath zu hören. Oder, eine der
vielen, vielen Live Versionen auf den verschiedenen Live Alben.
Zu
dem „ewigen“ Riff, dem grandiosen Flötensolo bzw. dem bluesigen Pianointro
muss man hier – so glaube ich – kein Wort mehr verlieren. Jeder von uns hat
diesen Song bereits hundert- wenn nicht gar tausendfach gehört.
Lyrisch wird hier- sehr
passend - das Bild eines Eisenbahnzuges mit seiner dampfenden Lokomotive mit dem
Kessel unter Hochdruck benutzt um aus der Sicht eines „Verlierers“ (…womöglich
einer wie Aqualung?) das Gefühl der Machtlosigkeit an der Bestimmung des
eigenen Schicksals benutzt.
Der Zug wird zum Sinnbild
des an ihm vorbeiziehenden Lebens – der Zug rast durch sämtliche Stationen
und hat keine Möglichkeit abzubremsen. Seine Kinder verlassen ihn – er muss
jedoch im Zug bleiben. Unaufhaltsam der Endstation entgegen. Einfache aber
geniale Allegorie! Seine Frau betrügt ihn mit seinem besten Freund, doch er
kann seinen Zug nicht stoppen. Er versucht mit aller Macht (“he’s crawling down the corridor on his
hands and knees!” ) in die Lokomotive
und somit an den Hebel zu kommen, der diesen Zug anhalten könnte.
Dort angekommen, stellt er
jedoch fest, das der Hebel gestohlen wurde und er völlig machtlos zusehen muss,
wie der Zug mit Höchstgeschwindigkeit dem Ende seines Lebens zurast.
Am Ende des Songs,
verzweifelt der Protagonist an seinem Schicksal und gibt Gott die Schuld daran.
Denn Gott hat ihm den Hebel genommen, diesen Zug anzuhalten!
Sicherlich eine etwas krude,
aber nachvollziehbare Schlussfolgerung.
Eines steht jedoch fest:
Locomotive Breath ist ein Rockklassiker – musikalisch und lyrisch. Dieser Song
wird noch in 1000 Jahren gespielt werden, da bin ich mir sicher! J
Wind
Up
Hier wird wieder Frieden
gemacht. Mit „Gott“ allerdings nicht mit der Kirche und der Gesellschaft.
Hier rechnet Ian jedoch
nicht nur mit Kirche, Sonntagsschule und heuchlerischer Gesellschaft ab, sondern
stellt sich sogar darüber. Er hat seinen Frieden gemacht mit SEINEM Gott und
lebt nun SEINE Weltanschauung und teilt diese auch mit.
(„….and to my old headmaster and ANYONE who cares: I don’t believe
you….etc. etc.)
Sein Gott braucht keine
Gottesdienste oder Monstranzen. Sein Gott muss nicht jeden Sonntag zur
Beruhigung des eigenen, sündigen Gewissen hervorgeholt und poliert werden. Er
versucht seinem Gott gerecht zu werden in dem er seinem eigenen, menschlichen
Anspruch gerecht wird. Im Grunde ein humanistische Einstellung.
Und ich denke – und hier
bitte ich erneut zu verzeihen, dass ich einen Teil meiner eigenen Philosophie
hier mit hereinbringe, dass dieser Gott einzig und allein sein Gewissen ist. Er
stellt die biblische Schöpfungsgeschichte zurecht in Frage und beruft sich auf
die Naturwissensschaften:
„…how do you dare to tell me, that I’m my fathers son when that was
just an accident of birth!“
Er stellt sich über die in
der Sonntagsschule gelehrten Dogmen:
„ I’d rather look around me – compose a better song, because
that’s the honest measure of my worth!“
Hier wird das oben genannte
deutlich: the honest measure of my worth – soll heissen, das wahre Maß seines
Wertes, seines Empfindens, seines humanistischen Geistes.
„In all your pomp and all your glory, you’re a poorer man than me, as
you lick the boots of death born out of fear!“
Hier kommt wieder die
bereits eingangs erwähnte Abrechnung mit den kirchlichen Dogmen, die auch
meiner Meinung nach bewusst und berechnend mit den Ängsten der Menschen
spielen.
Musikalisch ist Wind Up
wieder großes Hardrock Kino. Speziell live und auch und gerade 2005 – wie man
eindrucksvoll auf der im letzten Jahr erschienen „Aqualung live“ nachhören
kann.
Ich gebe zu, dass mir der
zweite Teil der ausführlichen Rezension, Interpretation oder wie immer man
diesen Beitrag nennen mag deutlich schwerer viel als der doch eher fiktive erste
Teil. Was wohl bedeutet, dass „My God“ bis heute nichts von seiner Brisanz
eingebüßt hat.
Dieser Beitrag soll
keinesfalls der Weisheit letzter Schluß sein – sondern gibt nur meine persönlichen
Empfindungen, Einschätzungen und Denkweisen über dieses Stück Musikgeschichte
wieder. Ich habe mich ausführlich mit vielen Alben Jethro Tull’s über die
Jahre auseinandergesetzt und es macht mir große Freude im Fanclub eine
Plattform gefunden zu haben, diese Gedanken auch anderen Interessierten
mittzuteilen.
Wenn Euch diese Sache
gefallen hat, freut mich das sehr! Wenn nicht, dann entschuldige ich mich dafür,
dass ich Eure Zeit in Anspruch genommen habe……lach! Wenn ich den einen oder
anderen durch diese Zeilen dazu bewegt habe, sich das Album mal wieder intensiv
zu Gemüte zu führen – bin ich glücklich! Denn das war das Ziel – und ich
denke Aqualung (und alle anderen Alben auch) sind es wert intensiv gehört zu
werden – und das schöne ist, jeder kann was anderes daraus machen, verstehen
und deuten. So kann passiver Genuss auch kreativ sein – man wird Teil des
kreativen Prozesses – man wird Teil der Musik. Mannoman – das hört sich
ziemlich blöd an, ich weiss aber nicht wie ich es anders beschreiben soll.
Mit hat’s jedenfalls Laune
gemacht…..
Für Schelte, Lob und
Anregungen stehe ich Euch gerne in Laufis Jethro Tull Board oder auch unter
e-mail JTullie@aol.com gerne zur Verfügung.
Wir sehen uns – irgendwann
und irgendwo,
J.