Parma, Italien, 26. September 2002

"Da Bach ai Jethro Tull"

Ian Anderson & Andrea Griminelli in concerto con l'orchestra del Teatro Regio di Parma

von Birgit Kurth-Mettner

 

Von dem italienischen Classic meets Rock-Ereignis hatte mich zum Glück Fredy unterrichtet (vielen Dank in die Schweiz!), nachdem unsere Verabredung für die Bochumer Konzerte geplatzt war. Leider war weder in den BFN noch auf den einschlägigen Internetseiten etwas über Parma zu erfahren. Trotzdem legten mein Mann Reinhard und ich unseren Herbst-Urlaub vorsichtshalber so, dass das zeitlich passte.

Im vergangenen Jahr hatten wir den Urlaub nämlich so hervorragend geplant, dass wir zum Zeitpunkt des Wormser Fan-Treffens in Italien und am Tag der Convention in Fidenza bereits wieder zu Hause waren!

 

Von unserem Urlaubsort lag Parma ca. 100 km weit weg, und wir waren erst 6 Tage vorher mit Bangen und Hoffen dorthin gefahren, weil die Karten sonst nirgends zu kriegen waren.

Zum Glück gab's noch ein paar Tickets und wir buchten 2 Plätze in einer der 8-Personen-Logen im 3. Stock der Galerie.

 

Am Donnerstag, dem 26.09. war es dann soweit: um 21 Uhr sollte es losgehen, um 19 Uhr saßen wir in einer Pizzeria in der Nähe des Theaters, ganz offensichtlich umgeben von Gleichgesinnten, die eindeutige Devotionalien mit sich führten, mutmaßlich um sie später signieren zu lassen. Ich hatte nichts dergleichen vorbereitet, zählte ich mich doch noch niemals zu der Sorte Fans, die Jagd auf Stars und Trophäen macht... bisher!

Das Theater selber war ein Traum in Gold und rotem Samt (ähnlich dem in Fidenza). Unsere Loge blieb mit 4 Leuten nur halb besetzt, wie fast alle anderen auch, was natürlich sehr angenehm war. Und wir hatten eine ausgezeichnete Sicht auf die Bühne.

Ian und seine Band - die gleichen Musiker wie in Bochum - hatten von der Bühne den weitaus kleinsten Teil, und selbst Ian hielt sich relativ bedeckt angesichts der "Konkurrenz" aus dem klassischen Lager. Aber obwohl er's bescheiden abstritt, war er genauso gut wie Andrea Griminelli, der italienische Flötist, und der war super!

 

Was ich über Bochum gelesen hatte: dass die Orchester-Mitglieder alle mit roten Anderson-T-Shirts dasaßen und die Leute aus dem Publikum sich zwischendurch ständig Fritten und Bier holen gingen, das gab's hier in dem vornehmen Ambiente natürlich nicht. Mir persönlich gefiel's, dass die Musiker in schwarz und das Publikum zum großen Teil auch elegant, aber doch noch so dezent gekleidet war, dass wir nicht auffielen in unseren normalen Klamotten. Das Outfit der Tulls war allerdings lässig, und Ian war wieder als Pirat verkleidet.

 

Die erste 3/4 Std. gehörte der klassischen Musik. Das Orchester spielte mit Andrea Griminelli als Solisten Stücke von Vivaldi, Bach, Mozart, Bizet, V. Monti und am Ende dann etwas Fetzigeres als Übergang zum rockigen Part des Abends: "Speedy Gonzales" von B. Kaye. Für mich war der Abend schon jetzt ein Highlight. Aber was Ian und seine Leute zusammen mit dem Orchester dann noch zum Besten gaben, kann für meinen Geschmack kaum noch zu toppen sein. Ich denke, die Setlist war die gleiche wie in Bochum. Das Orchester begleitete fast alle Tull-Stücke, die dafür wirklich gut ausgesucht waren. Es war toll, wie neu und anders Altbekanntes plötzlich klang! Höchstens die beiden Hörner waren mir manchmal etwas zu aufdringlich und das Schlagzeug etwas zu scheppernd, aber dafür harmonierten Oboen und Klarinetten perfekt zur Musik. Vielleicht hätte ich mir für diesen Anlass noch "Bach's double Violine Concerto" (vom Tull-Konzert 1985 in Berlin) oder "Drive" (von I. A.) gewünscht, aber man kann bekanntlich nicht alles haben.

Dafür gab's außer dem zu Tränen rührenden "Elegy" noch ein ähnlich gestaltetes Stück, das Ian als absolut neu ankündigte (man möge mir verzeihen: weder habe ich den Titel aufgeschrieben, noch behalten, für wen von den Jungs er es geschrieben hatte; mein Mann und ich sind nicht einig ob's Andrea (Griminelli) oder Andy (Giddings) oder sonstwer war, dessen Freundin damit zum Zurückkehren bewogen werden sollte).

"Aqualung" war völlig neu arrangiert und wurde nicht angesagt, sondern Ian machte ein Rätsel daraus: der erste, der ihm den Titel laut und deutlich zurufen würde, hätte ein Abendessen mit Griminelli gewonnen "for the next four weeks - or not". Ich erkannte es zwar sofort, aber da die Italiener sehr ruhig blieben, traute ich mich den Zwischenruf dann auch nicht. Was Ian dem Publikum sonst noch zu sagen hatte, übersetzte Griminelli ins Italienische - offenbar sehr frei und witzig, denn es rief stets  Gelächter hervor. Aber auch Ian selber und der Dirigent Danilo Rossi scherzten, was das Zeug hielt und schüttelten sich nach besonders beklatschen Nummern allesamt die Hände und auch der ersten und zweiten Geige .

 

Das Concerto dauerte von 21 bis 24 Uhr einschließlich 20 Min. Pause. Hochzufrieden schlugen wir nach zwei Zugaben den Weg Richtung Parkhaus ein, als wir ein paar versprengte Fans mit ihren Büchern und Plattencovers vor dem Bühnenausgang warten sahen. Ohne lange zu überlegen, stellten wir uns dazu und harrten, der Dinge bzw. der Musiker, die da kommen sollten. Nach einer ganzen Weile, während dessen mich mein Gemahl ganz irre machte, weil er jedes Mal, wenn die Tür aufging, rief: "Da kommt Ian!" (womit er mich schon vorher in der Pizzeria aufgezogen hatte), kam schließlich Andrea Griminelli. Ich kramte nach meinem Programmheft und hielt es ihm samt Kugelschreiber unter die Nase. Erfreut signierte er, woraufhin die anderen Wartenden es mir gleichtaten.

 

Nach etwa einer Stunde sah ich ein, dass an diesem Ausgang weder ein für einen Rock-Star adäquates Fahrzeug stand, noch überhaupt ein Parkplatz für ein solches vorhanden war. Und Ian würde sicher nicht zu Fuß durch die Stadt laufen.

 

Aber dann kam, sehr groß, Andy Giddings, und ich zückte wieder Programmheft und Kugelschreiber, worauf auch die italienischen Fans sich in Position brachten und vordrängelten. Andy sagte zu mir: "Moment", darauf ich: "Du sprichst deutsch?" Er, komischerweise hocherfreut: "Ja, ein bisschen!" und dann tat er so, als würden wir uns schon ewig kennen, und wir unterhielten uns, während er die schweigsamen Italiener mit Autogrammen bediente. Er ist ein ganz lieber, natürlicher Typ (wie ja viel andere von Euch längst wissen...). Er fragte, ob wir extra aus Deutschland gekommen wären, und ich gab zu, dass wir außerdem noch Urlaub machen. Als ich nach Ian fragte ( er: "Ian who?") erklärte er mir, dass dieser bereits durch einen anderen Ausgang das Weite gesucht hätte. Er posierte noch brav für ein Foto, dann verabschiedeten wir uns, und er winkte uns nach und bedankte sich für unser Kommen.

 

Die anderen Fans warteten trotzdem weiter oder gingen einen anderen Weg. Als wir Ian trafen, waren wir jedenfalls ganz allein nachts um eins in den finsteren Straßen von Parma...

Ein vollbesetzter Van fuhr vielleicht 50 m vor uns rückwärts aus einer Ausfahrt, und mein Mann sagte wieder (aus Reflex): "Da ist Ian!" Wir glaubten beide nicht daran. Aber dann stieg jemand aus dem Fond, um den Fahrer aus der schlecht einzusehenden Ausfahrt zu lotsen. Ich erkannte ihn sofort, obwohl er jetzt ganz piekfein in schwarz gewandet war, und hörte im nächsten Augenblick meine eigene Stimme, die "Ian!" rief! Er zögerte vielleicht den Bruchteil einer Sekunde und sah sich kaum um, aber ich wurde "plötzlich sehr schnell" wie Reinhard mir später sagte. Jedenfalls war ich bei dem quer auf der Fahrbahn stehenden Auto, als er schon fast ein Bein drin hatte und fasste ihn am Arm! "Ian, just a moment!" sagte ich. In dem Moment wurde mir klar, dass ich mich erstens sehr aufdringlich verhielt und es glatt verdient hätte, stehen gelassen zu werden, und zweitens es mit einem völlig Fremden zu tun hatte, und gar nicht wusste, was ich genau wollte!

Er dreht sich zu mir um und sah mich ganz freundlich an! Ich fragte in meiner Not nach einem Autogramm (obwohl ich schon eins habe, sogar mit Widmung, als Reaktion auf meine 50. Geburtstagsglückwunschkarte an Ian). Leider hatten wir sowohl das Programmheft als auch den Kugelschreiber und den Fotoapparat längst wieder im Rucksack verstaut! Ian suchte selber nach einem Stift und hatte ihn gefunden, als wir das Programmheft parat hatten. Wohlgemerkt: WIR machten die Hektik: wegen der offenen Autotür, dem verkehrsbehindernd wartendem Wagen, vier möglicherweise ungeduldigen Insassen und der Annahme, dass man für eine Audienz wie diese höchstens 10 Sekunden zugeteilt bekommt. Er war aber ganz relaxed und ich erzählte ihm, dass wir es nicht nach Bochum geschafft hätten und daher unseren Urlaub jetzt für Parma genutzt hätten, und dass wir das Konzert ganz toll fanden, und was wir für ein Glück gehabt hätten ihn zu treffen, und dass ich jetzt unbedingt ein Foto machen muss, weil's mir sonst keiner glaubt. Schließlich kam Ian auch mal zu Wort, fragte, woher wir denn aus Deutschland kämen - "aus der Nähe von Köln" - Ja? da wäre er nächstes Jahr im Juli und bis dann also. Wir bedankten uns alle gegenseitig, er stieg ein und winkte uns aus dem Auto noch einmal zu...

 

 This was - mein Zusammentreffen mit Ian Anderson - es war toll - aber vor 30 Jahren hätte es mich total umgehauen!